Die Geschichte eines Tages

Ein Beitrag von Loris Kriege aus seiner regelmäßigen Kolumne für den TuS Hilter:

Diese Geschichte beginnt an einem Sonntagmittag kurz vor Weihnachten. In einem Ort, der von der Heimat des TuS in etwa so weit entfernt ist, wie ich es von der Verleihung des Grimme-Preises bin. In Heidenheim an der Brenz. Was sich zunächst nach einem Dorf anhört, in dem sämtliche Ungläubige des Landes zusammengepfercht und niedergelassen wurden, ist in Wirklichkeit eine zugegebenermaßen recht schicke Kleinstadt in Ostwürttemberg, in der ich zum letzten VfL-Spiel des Jahres journalistisch nochmal so richtig abliefern sollte. Entweder lesen die Kollegen der Neuen OZ hier aufmerksam und interessiert mit, oder sie denken sich: „Der Typ ist eh da unten, kann immerhin zwei grade Sätze hintereinanderschreiben – da bleiben wir doch lieber mit dem Arsch zu Hause.“ Eine der größten Fragen unserer Zeit…

Fragen wollte ich an diesem Mittag auch meine Mutter. Wie es Opa denn gehe, schließlich war er zwei Tage zuvor im zarten Alter von 85 Jahren gestürzt und daraufhin ins Krankenhaus eingeliefert worden. „Halb so schlimm“, dachte ich, der Mann hat schon ganz andere Sachen überstanden. Dass ich zwischen Weihnachten und Neujahr allerdings noch einer Beerdigung beiwohnen würde, hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht erwartet.

Wir waren gerade am Hotel angekommen, der Osnabrücker Reisetross sollte am Tag zuvor ebenfalls dort genächtigt haben und war deshalb in diesem Moment von dort aus auf dem Weg ins Stadion. „Sach mal Loris, hast du schlecht geschlafen, oder woher kommen die Augenringe?“, fragte mich der Pressesprecher des VfL, dem ich etwas verlegen antwortete, dass ich mir die Flasche Weißwein am Vorabend doch besser hätte sparen sollen. Das entsprach zwar der Wahrheit, dass ich soeben erfahren hatte, dass der Vater meines Stiefpapas im Sterben lag, und ich daraufhin ein metaphorisches Pfund Zwiebeln geschnitten hatte, verriet ich an dieser Stelle jedoch nicht.

Jetzt also Fußball. Funktionieren, schlaue Sachen schreiben, Mehrwert schaffen, Hintergründe liefern. Und ich bin ehrlich: nichts war in diesem Moment schwerer, nichts tat in diesem Moment allerdings auch besser. Gut, geistreich war das alles eher weniger, und wie hintergründig, sei an dieser Stelle auch mal dahingestellt. Aber es lenkte ab, und das war gut. Warum sonst springen Millionen von Menschen bei Problemen in ihre Laufschuhe oder prügeln zusammen Bälle über nicht ausreichend präparierte Tenniscourts? Wieso steigen sie mit ihren Freunden aufs Rad und brettern durch den Wald, wieso gehen sie auch in schlechten Zeiten zu ihren Fußball-, Badminton-, oder Tischtennis-Trainingseinheiten, die sowieso eher spärlich besucht sind und bei denen die Übungsleitung früher oder später eh noch zum Supermarkt muss, weil dort die Kiste Veltins nur noch heute zu einem unschlagbaren Preis im Angebot ist. „Um den Kopf freizubekommen“, ist die wohl am häufigsten fallende Antwort auf diese Fragen. Um sich abzulenken, um auf andere Gedanken zu kommen.

Aber es ist mutmaßlich nicht die Tätigkeit, nein, es sind die Menschen, die den Betroffenen ein besseres Gefühl geben. Für viele ist ihr jeweiliger Sportverein auch eine Art Familie. Ein Rückzugsort, der den Leuten hilft. Eine Gemeinschaft, die auch dann da ist, wenn man sich alleine fühlt. Dass daraus Gutes entstehen kann, haben abermals die Hilteraner Fußballmannschaften bewiesen. Statt sich auf der Weihnachtsfeier ausschließlich zu betrinken und fragwürdige Musik zu hören, sammeln sie durch diverse Versteigerungen alter Trainingsutensilien und Pokale darüber hinaus Geld, das nun der Aktion „Hand in Hand für Norddeutschland“ zu Gute kommen wird. Und so bedenklich der Charity-Name auch ist, so bemerkenswert ist sein Hintergrund. Die Kohle geht nämlich an Menschen mit Krebserkrankungen und deren Angehörige. Zusammen mit Freunden, die einem dabei helfen, private Probleme in der Freizeit für kurze Zeit zu vergessen, sammelten die Jungs noch bis Ende Januar Geld für Betroffene, zu denen sie teilweise selbst gehören. Klingt abgedroschen, aber egal: das ist ganz großer Sport! Deshalb ist es zweitranging, ob man nicht unbedingt der begnadetste Tischtennisspieler unter der Sonne oder der talentierteste Volleyballer jenseits der Copacabana ist. Solange private oder berufliche Probleme durch sportliche, soziale und häufig familienähnliche Kontakte für einen Augenblick in Vergessenheit geraten, ist das Vereinsleben mehr wert, als es jeder Meisterschaftspokal dieser Welt je sein könnte.

Diese Geschichte endet an einem Sonntagabend kurz vor Weihnachten. Mein Stiefopa starb zwei Tage vor Heiligabend an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs, der aufgrund der erst im Krankenhaus diagnostizierten Leukämie nicht operiert werden konnte. Fuck cancer!